Eilmeldung:

Nicht weit von der Friedhofskapelle und weitgehend unbeachtet ruhen auf dem Friedhof in Jerstedt zwei deutsche Gefallende, die bei dem Einmarsch der amerikanischen Truppen am 10. April 1945 getötet wurden. Die beiden Jugendlichen Dietrich Thümecke und Dieter Brückersteinkuhl, Angehörige der Luftwaffe, 17 und 18 Jahre alt, stammten aus Berlin und Bonn. Persönliche Daten oder die Lebensgeschichte der Gefallenen sind leider unbekannt. Vermutlich sind sie von der Schulbank oder aus der Lehre von der Reichswehr als „letzte Reserve“ eingezogen und in den sinnlosen Tod geschickt worden.

 

Jahrelang wurde das Grab nicht gepflegt, da es offensichtlich nach der Eingemeindung vergessen worden war. Auf eine Anregung hin hat das Garten- und Friedhofsamt das Grab gärtnerisch in Ordnung gebracht. Der Steinmetz Martin Bergmann, Firma Plateo, Goslar sanierte vor einigen Jahren kostenlos den schon nicht mehr lesbaren Grabstein.

 

Der heutige Besucher fragt sich, wie und wo sind diese jungen Menschen 1945 in Jerstedt gefallen, obwohl sich das Dorf ergeben hatte und der Krieg fast vorbei war? Was können die Worte „ .. und dennoch“ auf dem Gedenkstein uns Bundesbürgern 76 Jahre später bedeuten und welchen Sinn sollen sie haben?

 

 

Die Westfront war im März/April 1945 zusammengebrochen. Es wurde nur noch dort Widerstand durch kleine Einheiten geleistet, wo die Parteileitung der NSDAP Kampfkommandanten mit einem Standgericht eingesetzt hatte.

 

Seit dem 5. April 1945 mussten in der Gemeinde Jerstedt die zurück gedrängten Nachschubkolonnen untergebracht werden. Je näher die Front heranrückte, ließ auch der Durchzug der deutschen Einheiten nach. Am Nachmittag des 7. April wurden noch lange Kolonnen von Fremdarbeitern durch Jerstedt geführt und sollten auf Befehl der Parteileitung von Jerstedter Bürgern nach Halberstadt gebracht werden. Die Begleiter setzten sich angesichts des Chaos jedoch in der Nähe von Vienenburg ab und kehrten nach Jerstedt zurück. Am Sonntag, den 08. April wurde um 11.00 Uhr Fliegeralarm ausgelöst. Wenig später war von Jerstedt aus zu beobachten, wie die amerikanischen Bomberverbände die alte Fachwerksstadt Halberstadt in Schutt und Asche legten. Tausende kamen um Leben, die Rauchwolken und Flammen über Halberstadt waren weithin sichtbar.

 

Auf Anweisung der Parteileitung musste in Jerstedt eine Panzersperre auf der B 6 gegenüber dem ehem. Feuerteich gebaut werden. Am 10. April gegen 13.00 Uhr rückten die US-Truppen von Langelsheim kommend mit schweren Panzern vor. Allerdings befanden sich noch einzelne Gruppen von jungen deutschen Soldanten im Dorf. Von der Nazipropaganda aufgepuscht, waren diese entschlossen bis zum Letzten weiter zu kämpfen.

 

Als die ersten Kampfpanzer die „Große Brücke“ (Standort der Wasserträgerin) erreichten, übergab der damalige amtierende Bürgermeister Rudolf Bosse den amerikanischen Einheitsführer das Dorf als feindfrei. Trotz der Übergabe wurde kurz danach auf den US-Offizier, der auf einem stehenden Panzer stand, geschossen. Dieser brach tödlich getroffen zusammen.

 

Daraufhin eröffneten die US-Soldaten mit Maschinengewehren und Kanonen das Feuer. Die Pfarrscheune (heute Standort des Kirchen-Gemeindehauses) und der Kuhstall und die Scheune des Landwirtes R. Hille (heute Vespermann) gingen in Flammen auf. Die Pferde und Kühe konnten gerettet werden, 50 Schafe verbrannten in den Flammen. Die Feuerwehr Jerstedt durfte erst mit den Löscharbeiten beginnen, als die Kampfhandlungen beendet und nichts mehr zu retten war. Bis vor wenigen Jahren waren die Einschusslöcher in der Jerstedter Kirche und auf dem Grundstück Hille noch sichtbar.

 

Zuvor lagen diese deutschen Soldaten an der Feldscheune (Eigentümer Lindenberg) am Ortsausgang Richtung Langelsheim. Sie wurden von dem Landwirt Rudolf Dieckmann sen. mit dem Hinweis auf die völlig aussichtslose Lage überredet den Widerstand aufzugeben und zogen sich ins Dorf zurück. Nach Aussagen von Robert Hille (überliefert von seiner Tochter Ilsemarie Vespermann) lagen die Soldaten hinter dem Tor seines Hofes und beobachteten die Verhandlungen und töteten gezielt den Panzerkommandanten. Anschließend flüchten sie unversehrt durch die Kirchstraße und über den Friedhof in den Nordhees.  

 

Zur selben Zeit wurde noch von einer kleinen Einheit in Gruppenstärke an der Hahn-dorfer Straße in Höhe des heutigen B 6 – Unterführung  (ehemalige Wiese der Fleischerei Rollwage) Widerstand geleistet. Bei diesen Kampfhandlungen fielen noch zwei deutsche Soldaten. Ein weiterer deutscher Soldat fand auf der Heide (an der Verbindungsstraße nach Bredelem) bei der Verteidigung der Brücke über die Innerste den Tod. Ein Soldat wurde nach dem Krieg in seine Heimat überführt, während die Soldaten Dietrich Thümecke und Dieter Brückersteinkuhl auf dem Jerstedter Friedhof  beigesetzt wurden

 

Nachdem die Kampfhandlungen beendet waren, ließ der Einheitsführer den Bürger-meister Rudolf Bosse holen, der ihm das Dorf feindfrei übergeben hatte. Er sollte sofort auf dem Kahnstein erschossen werden. Da er glaubhaft versichern konnte, dass er über die kämpfenden deutschen Soldaten nicht unterrichtet worden war und sein einziger Sohn auch in Russland gefallen sei, nahmen die US-Soldaten von der sofortigen Erschießung Abstand. Bei den widersprechenden Befehlen der Parteileitung waren wahrscheinlich auch die deutschen Soldaten von Ihrer Kompanie nicht davon unterrichtet worden, dass die Gemeinde Jerstedt als feindfrei den US-Truppen übergeben worden war. Stattdessen wurde nun von den Amerikanern der Befehl gegeben, den NS-Ortsgruppenleiter Hermann Achilles herbeizuschaffen. Falls dieser nicht bis 18.00 Uhr aufzufinden sei, sollten drei Geißeln aus dem Ort erschossen werden. Auf Grund dieser Tatsache steigerte sich die Erregung und Unruhe in Jerstedt von Stunde zu Stunde.

 

Der  Ortsgruppenleiter wurde von Bürgern aus Jerstedt in den Wäldern Soetz und Wohlkamp gesucht und auch gefunden. Nach seiner Darstellung habe er von der Parteileitung den Befehl erhalten, sich in den Harz abzusetzen und dort im Volkssturm weiter zu kämpfen.

 

Nach langen Verhandlungen mit dem Chef der amerikanischen Ein­heit über die verbrecherische Tat, kam man zur Überzeugung, dass hier eine Verletzung des Völkerrechts vorlag. Die verwerfliche Tat wurde dadurch gemildert, das von zwei Jerstedter Bürgern unter Eid ausgesagt wurde, dass der Schuss auf den US-Offizier nicht von einem Volkssturmmann oder Zivilisten, sondern von einem deutschen Soldaten abgefeuert wurde. Auf Grund der Aussage wurde von einer Erschießung der drei Jerstedter Bürger Abstand genommen.

 

Nach der Besetzung von Jerstedt mussten alle Waffen einschließlich Jagdwaffen: abgegeben werden. Diese wurden von den amerikanischen Soldaten zerschlagen und zum größten Teil in den Feuerteich ge­worfen. Der US-Einmarsch wurde von den polnischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter, die in einem Lager in Jerstedt untergebracht waren, jubelnd begrüßt. Aufgrund der Ausgangssperre durften die Einwohner nur am Tage wenige Stunden ihre Wohnung verlassen. Während im Oberharz immer noch gekämpft wurde, war die Reichsbahn stillgelegt, das Post- und Fernmeldewesen ruhte. Lediglich die Stromversorgung war gewährleistet. Außer in den lebensnotwendigen Betrieben, wurde in allen Gewerbe- und Industrieunternehmen, nicht mehr gearbeitet. Die Schule in Jerstedt und die Mittel- und Oberschulen in Goslar waren geschlossen.

 

Die Frühjahrsbestellung stand an. Hier bewährte sich die alte Dorfgemeinschaft. Alle Beschäftigen, die zuvor in der Industrie- oder im Gewerbe gearbeitet hatten, halfen nun in der Landwirtschaft tatkräftig mit. Die polnischen Kriegsgefangenen die bisher die Arbeit in der Landwirtschaft leisten mussten, wurden von der Kommandatur in der Gastwirtschaft Niedersachsenkrug untergebracht. Unter großen Schwierigkeiten und gegenseitiger Nachbarschaftshilfe der landwirtschaftlichen Betriebe untereinander, kam die Frühjahrsbestellung 1945 doch noch zum Abschluss.

 

Die Panzersperren mussten von der Bevölkerung wieder beseitig werden. Der Schutt der abgebrannten Gebäude wurde von freiwilligen Helfern aufgeladen und mit pferde-bespannten Ackerwagen abgefahren. Besonders hart hatte es die Familie des Landwirtes Robert Hille getroffen. Neben dem Verlust der Gebäude waren im Laufe des Krieges seine beiden Söhne und der Schwiegersohn gefallen.

 

Allmählich normalisierte sich das Dorflebern in Jerstedt. Am 01. Juli 1945 hatte die britische Militärbehörde die Regierungsgeschäfte übernommen. Deutschland wurde in vier Besatzungszonen aufgeteilt. Die englische Besatzung setze wieder Personen in der Kommunalwirtschaft ein, die 1933 aus politischen Gründen bei der Machtübernahme der NSDAP zurücktreten mussten.

 

(aus den Aufzeichnungen von Heinrich Lohse und Robert Fricke, beide Jerstedt)   

 

Christian Rehse