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Die Unterbringung der Flüchtlinge in der Gemeinde Jerstedt

(aus Aufzeichnungen von Heinrich Lohse, Jerstedt – zusammengestellt von Chr. Rehse)

 

Der Flüchtlingsstrom Ende des Krieges und im Jahr 1946 löste große Unruhe und erhebliche Verwerfungen der überwiegend ländlichen Gemeinde Jerstedt mit einer damaligen Einwohnerzahl von 850 Personen aus. Die älteren Einwohner, die bereits die Hungerjahre des Ersten Weltkrieges erlebt hatten, vertraten die Ansicht, dass sich diese mit einer größeren Einwohnerzahl wiederholen würde. 

 

Bereits im Februar 1945, nach dem Einmarsch der Roten Armee in das damalige Reichs-gebiet, mussten 10 Familien mit 28 Personen aus Ostpreußen aufgenommen werden. Danach waren weitere 167 ältere Männer, Frauen und Kinder aus Schlesien und Pommern unterzubringen, die die grimmige Kälte und die eisigen Schneestürmen auf der Flucht überlebt hatten. Nach der Besetzung Jerstedt am 10. April 1945 durch die US-Truppen kamen weitere 6 Familien. Nach den schrecklichen Erlebnissen in ihrer Heimat kamen die gequälten und sich in großer Not befindlichen Flüchtlinge auf Lastkraftwagen in der Gemeinde Jerstedt an. Mit Beginn des Jahres 1946 begann die planmäßige Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus den Gebieten östlich der Oder und Neiße, der Tschechoslowakei und dem Sudentenland.

 

Nach den unterschiedlichen Erfahrungen bei der Unterbringung wurde im Januar 1946 das Amt eines Flüchtlingsbetreuers eingerichtet. Dieser wurde von den Flüchtlingen gewählt, er erhielt vom Landkreis Goslar eine kleine Entschädigung. Er sorgte für Wohnraumbe-schaffung, Hausrat und Brennmaterial und sollte den Menschen beim Schriftverkehr in Rentenanträgen oder später beim Lastenausgleich helfen. Renten und Pensionen wurden bereits ab 1.9.1945 wieder gezahlt. Das Amt des Flüchtlingsbetreuers war eine undankbare Aufgabe, daher wechselte die Person des Betreuers ständig. Unterstützt wurde er von einem Flüchtlingsausschuss, dieser nahm die Vertriebenen in Empfang und geleitete sie nach einem Aufteilungsplan in die Unterkünfte auf den landwirtschaftlichen Betrieben und den Wohnhäusern.

 

Neben der materiellen befanden sich die meisten Menschen in tiefer seelischer Not. Nach der Anmeldung und der Ausgabe von Lebensmittelkarten versuchten die arbeitsfähigen jungen Frauen und Männer eine Arbeitstelle zu finden. Zu der damaligen Zeit stellte die Firma Emil Otto, Strumpfwarenfabrik viele Beschäftige ein, da sie von der englischen Besatzungsmacht einen großen Auftrag erhalten hatte. In Jerstedt selbst standen kaum Arbeitsplätze zur Verfügung außer der aushilfsweisen Beschäftigung in der Landwirtschaft.  Die Arbeitsplätze in Goslar konnten einmal täglich mit dem Postbus erreicht werden.

 

Durch die Lebensmittelkarten allein war der Unterhalt nicht zu sichern, da in den Läden ein ausreichendes Angebot fehlte. Brennholz und Braunkohle waren knapp und unterlagen der Bewirtschaftung. Zusätzliches Brennholz musste durch Eigenwerbung in den umliegenden Waldungen beschafft werden.

 

Die Jerstedter Bevölkerung war, wie in fast allen Orten, wenig begeistert über die Aufnahme der Heimatvertriebenen und so teilte sich nach dem Zuzug der Flüchtlinge das Dorf in zwei Gruppen auf. Durch das enge Zusammenleben und die Zwangseinweisungen gab es viel Streit und Reibereien. In dem Pfarrhaus der Kirchengemeinde zum Beispiel lebten neben dem amtierenden Pastor und seiner Familie weitere 3 Familien mit 16 Personen. Anfang des Jahres 1946 mussten 216 Personen aus Ostpreußen und Schlesien aufgenommen werden.  Mit der planmäßigen Vertreibung verschärfte sich die Situation ab Mai 1946 deutlich. Allein in diesem Monat trafen weitere 124 Personen aus unterschiedlichen Provinzen östlich der Oder/Neiße in Jerstedt ein. Diese Flüchtlingswelle erreichte im Herbst 1946 mit 129 Menschen ihren Höhepunkt. Mit dem Ende des strengen und sehr kalten Winters 1946/47 kam nochmals ein Flüchtlingstransport mit 6 Familien und 16 Personen aus dem Kreis Breslau.

Weltweit herrschte durch die unvorstellbaren Verbrechen der SS und der Nazis großer Hass auf die Deutschen. Durch die  Berichte in der Weltpresse über die Schrecken der Vertreibung, die große Not und Heimatlosigkeit der Deutschen wurde Mitleid mit den betroffenen Menschen erweckt. Diese Berichterstattung löste in den USA eine große Hilfsaktion für die ehemaligen Kriegsgegner aus. Auch in Jerstedt kamen Hilfslieferungen in Form von Care-Paketen und erheblichen Mengen an Kleiderspenden an. Aufgrund der gespendeten Lebensmittel konnte im Jahr 1946 eine Schulspeisung eingerichtet. Darüber herrschte große Dankbarkeit, denn viele Flüchtlingskinder waren stark unterernährt.

  

Die Wohnungslage verschärfte sich zusätzlich, als die ehemaligen deutschen Soldaten aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrten. Es handelte sich um Einheimische, aber auch um mittlerweile heimatlose Soldaten aus den deutschen Ostgebieten, die vom Roten Kreuz nach Jerstedt vermittelt wurden.  Ende des Jahres 1948 war die Einwohnerzahl der Gemeinde Jerstedt auf 1661 gestiegen

 

Als Bindeglied zwischen den Einheimischen und den Flüchtlingen war die Jugend anzusehen. Diese traten in die Turn- und Sportgemeinschaft Jerstedt ein. Das Geräte- turnen erlebte einen großen Aufschwung. Gemeinsam gingen die Jugendlichen zu den Tanzveranstaltungen. Hier wurden die ersten freundschaftlichen Bande geknüpft, später folgten Eheschließungen und Freundschaften zwischen den Bevölkerungsgruppen. Durch die große Heiratslust und die neu geschlossenen Ehen musste weiterer Wohnraum erschlossen werden.

 

Mit der Bildung der Bundesrepublik Deutschland war ab 1950 langsam ein wirtschaftlicher Aufschwung auch in Jerstedt zu spüren. Mehrere Flüchtlingsfamilien wurden im gleichen Jahr nach Rheinlandpfalz umgesiedelt oder verließen das Dorf. Viele blieben und bauten sich mit großem Fleiß eine neue Existenz auf. Die ersten neuen Häuser entstanden und die katastrophalen Wohnverhältnissen verbesserten sich spürbar. Aus Heimatvertriebenen wurden Jerstedter Bürger. Heute ist festzustellen, dass durch die Heimatvertriebenen das gesellschaftliche Leben und die wirtschaftliche Entwicklung in unserer Dorfgemeinschaft bis heute positiv beeinflusst worden ist.

 

Die Kriegsverbrechen an allen betroffenen Völkern, die Grausamkeiten der Vertreibung und der schmerzliche Verlust der alten Heimat sind aber bei vielen Familien bis heute unver-gessen. Der Gemeinderat Jerstedt errichtete zur Mahnung einen Gedenkstein mit der In-schrift „Vergesst nicht die Opfer der Willkür und Gewalt“. Dieser Stein stand erst auf der s.g. „Großen Brücke“, wurde bei deren Umbau von der Stadt dann an die Stichstraße „Im Alfeld“ versetzt, wo er kaum Aufmerksamkeit erhielt. Der Jerstedter Arbeitskreis für Dorferneuerung holte um die Jahrhundertwende den Gedenkstein an den zentralen Standort „Hermann-Löns-Weg“ / „Schopenhauer Straße“ zurück. Hier erinnert er heute an die Leiden und die Recht-losigkeit der Menschen in der Zeit des NS-Diktatur und der Nachkriegszeit.